Projekt Hansevolk

Münzen und Münzbegriffe im Mittelalter

Wer sich einmal mit den Zahlungsmitteln der vergangenen Jahrhunderte beschäftigt, wird schon nach kurzer Zeit feststellen, dass er einem Gewirr von Bezeichnungen gegenübersteht, welches eine systematische Zuordnung von Münzbegriffen und -werten kaum ermöglicht. Münzen mit gleicher Benennung konnten in dem Edelmetallwert, ihrer Unterteilung in Kleinmünzen (Stückelung), an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlicher Zeit so deutlich von einander abweichen, dass eine Vergleichbarkeit kaum gegeben war.
Der folgende Artikel kann deshalb nur als Versuch angesehen werden, eine vereinfachte Übersicht über Münzbegriffe und Münzen zu geben, er ist aber geeignet, dem Fernhandelskaufmann des Mittelalters und der von ihm benötigten Fähigkeit, Waren an unterschiedlichen Orten zu bewerten, angemessenen Respekt zu verschaffen.

"Nachprägung des Lübecker Schillings von 1502"
Im Jahre 1265 schrieb der Kaufmann de Tolomei aus der Messestadt Troyes einen Brief an seinen Partner in Siena über Edelmetalle und Wechselkurse:
"Sterling im Wechsel: 59 Schilling die Mark. Freiburger Feinsilber: 57 Schilling 6 Pfennig die Mark. Gold nach Tari (eine sizilische Goldmünze): 19 Pfund und 10 Schilling die Mark. Augustalen: 11 Schilling das Stück. Florentiner Gulden zur Messe 8 Schilling plus 1 Pfennig das Stück, wegen des Kreuzzuges, jetzt wohl nicht mehr als 8 Schilling minus 3 Pfennig. Geld von Le Mans ist ein Fünfzehntel wert, das heißt 15 Schilling von Le Mans sind 2 Schilling von Tours. Mischgeld: ein Fünfzehntel und einhalb."

Wohl lagen die beiden genannten Orte etwa 1000 km von einander entfernt, der Brief beschreibt aber nicht einen Reise-verlauf, sondern berichtet von einer Messe an einem festen Handelsplatz. Trotzdem werden allein fünf verschiedene Münznamen (Schilling, Tari, Pfennig, Gulden, Augustaler) erwähnt, zwischen denen ein Wertvergleich beim Handel erfolgen musste. (Mark gilt hier noch als Gewichtseinheit, der Begriff Pfund ist leider nicht klar definierbar). Welche Vielzahl von Währungsvergleichen dann für einen Lübecker Fernhandelskaufmann notwendig wurden, der z.B. aus dem doppelt so weit entfernten Venedig Waren bezog und an mehreren Plätzen handelte, ist damit leicht erkennbar.
Aber nicht nur die Entfernung zu einem Handelsplatz erforderte den steten Wertvergleich.

Neben einer Vielzahl von regionalen Bezeichnungen für gleiche oder ähnliche Münzwerte (die aber wiederum in ihrem Edelmetallgehalt nicht unbedingt gleich waren), einer deutlichen zeitlichen Wertschwankung, unterschiedlicher Stückelung in Kleinmünzen und die Übernahme von vorher anderweitig verwendeten Begriffen als Münznamen sorgten viele regionale Prägungen im Mittelalter bei einem Wertvergleich zusätzlich für Verwirrung.
Als ein Beispiel für etwa gleichwertige Münzen mit regional unterschiedlicher Bezeichnung können die Haupt-Silbermünze von drei Münzvereinigungen im 14. und 15. Jahrhundert angeführt werden. Im (norddeutschen) Wendischen Münzverein als Witten benannt, wurde sie im Gebiet des Rheinischen Münzvereins (Köln, Mainz, Trier und Pfalz) als Albus bezeichnet und hieß im Oberrheinischen Münzverein (Basel bis Freiburg) Rappen, da der Rappen aber von minderer Silberqualität war, war er wiederum real mit den beiden anderen doch nicht vergleichbar.
Wie abweichend auch zeitlich der Wert einer Münze sein konnte, lässt sich am Taler darstellen, der seit 1518 einem Wert von 72 Kreuzer entsprach, ab dem Jahr 1559 einem Wert von 60 Kreuzer und ab dem 17. Jahrhundert einem Wert von 90 Kreuzer. Anders dagegen verhält es sich mit dem bereits erwähnten Schilling, der in vielen Regionen zeitgleich in Gebrauch war, aber in unterschiedlichen Territorien mal 12 Pfennig, 30 oder 48 Pfennig wert sein konnte.

Die ältesten bekannten Münzen wurden ca. 650 v. Chr. in Kleinasien von den Lydern (König Krösus) geprägt. Obwohl auch die Kelten bereits 300 v. Chr. Gold- und Silbermünzen fertigten, geht die Entwicklung des Münzgeldes in Europa auf das Römische Reich zurück. Etwa ab 200 v. Chr. wurde mit dem Denare in Rom eine Silbermünze geprägt, die sich aufgrund ihres verlässlichen Edelmetallwertes zu einer der Hauptmünzen im Römischen Imperium entwickelte und bis ca. 300 n. Chr. geprägt wurde.
Diese Münze gilt als Vorbild für die ab dem 8. Jahrhundert aus Silber geprägte erste umlaufende Münze, des Pfennig, eine der Hauptmünzen des Mittelalters. Obwohl der Pfennig über die Jahrhunderte in seinem Wert bis zur kleinsten Münze herabsank und ab dem 15. Jahrhundert kaum noch Silber enthielt, ist sein Ursprung bis in das 20. Jahrhundert erhalten geblieben bis zu seiner Abschaffung wurde als Münzkürzel des Pfennigs das "d" von denare verwendeten.

"Nachprägung der Lübecker Mark von 1502"
Doch die Einführung von Silber- und Goldmünzen erleichterte dem Händler des Mittelalters seinen Handel nicht unbegrenzt. Wenn auch ein Großteil der Münzen von "echtem Schrot und Korn" waren (d. h., das Gesamtgewicht und der Edelmetallgehalt einer Münze entsprachen zuverlässig den Vorgaben der Prägestätte, in der sie geschlagen worden war), so gab es doch auch diverse Münzen, bei denen durch Beimischung von anderen Metallen (meistens Zinn oder Kupfer) der vorgegebene Wert nicht dem Edelmetallwert entsprach.

Zur Prüfung des Edelmetallgehaltes von Münzen war es deshalb zweckmäßig, einen so genannten Lydischen Stein und einen Satz Probiernadeln mitzuführen. Auf dem Stein (z. B. aus schwarzem Kupferschiefer) wurde mit der Münze ein Strich gezogen, dessen Färbung mit der Färbung der Probiernadeln, die in Gold und Silber in unterschiedlich starken Legierungen vorhanden waren, verglichen wurde. Problematisch war dieses Verfahren jedoch, wenn nicht mit Münzen, sondern mit "Hacksilber" nach Gewicht gezahlt wurde, oder wenn bei großen Warenmengen der Preis auch für Münzen nicht in Stückzahl, sondern nach Gewicht angegeben wurde - so konnte eine Rechnung durchaus auch "x Pfund Pfennig" lauten.

Um die Unterschiede bei den Münzen des Mittelalters besser verstehen zu können, ist es erforderlich, vorab einige wesentliche Begriffe des Münzwesens zu erläutern. Auch bei den Münzbegriffen gab es allerdings regionale Abweichungen, die folgende Übersicht beschränkt sich auf die häufigsten Definitionen.

Billon
Legierung aus Silber und Kupfer (oder Zinn), wobei der Silberanteil stets den geringeren Anteil ergab

Brakteat
im 17. Jahrhundert aufkommende Bezeichnung für große und aufwändig geprägte Münzen aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die aber von geringem Gewicht waren und aus dünnem Silberblech nur einseitig geprägt wurden. Die Bezeichnung kommt von lat. "bractea"= sehr dünnes Blech. Als Münzname siehe auch Hohlpfennig.

Courant / Kurant
Kursmünze im Geldumlauf, deren Nennwert auch dem Metallwert entsprach und die als kon-kretes Zahlungsmittel akzeptiert wurde; im Gegensatz zu anderen Münzen, die (zum Teil als Hacksilber) ausgewogen wurden. Bezeichnung von französisch "courante"= laufend.

Feingehalt / Feingewicht
Nettogewicht des Edelmetalls in einer Münze.

Grän
Gewicht von ca. 1/15 Gramm, das heute noch beim Wiegen von Gold gebräuchlich ist, Mittelalter nach Ort und Zeit durchaus abweichend.

Hohlpfennig
einseitig geprägter (hohler) Pfennig, siehe auch Brakteat.

Karat
Maßeinheit für den Feingehalt von Goldlegierungen, unterteilt in 4 Grän. Reines Gold hat 24 Karat, hat eine Münze 12 Karat, so besteht sie nur zur Hälfte aus Gold. Der Goldgehalt wird heute in Tausendstel-Gramm gerechnet, z.B. 916/1000 g entsprechen 22 Karat.
(Bei Edelsteinen gilt Karat jedoch als Gewichtseinheit von 0,2 Gramm.)

Kipper u. Wipper
Geldverschlechterer, die im 17. Jh. hochwertige, Edelmetallmünzen mit der Waage (Wippe) aussortierten, sie einschmolzen (kippten) und mit anderen Metallen gestrecktes, minderwertiges Geld prägten (siehe auch Billon).

Korn
Feingewicht (Edelmetallanteil) einer Münze, erstmals ca. 1530 als Synonym verwendet, abgeleitet von dem Getreidekorn ohne Hülse.

Liespfund
Gewichtseinheit, die nach Ort und Wiegegut unterschiedlich sein konnte. Im Landhandel galt 1 Liespfund = 16 Markpfund und im Seehandel = 14 Markpfund, 23 Liespfund waren dann 1 Schiffspfund.

Lötig
Feingehalt, Reinheit von Silber, 16-lötiges Silber ist reines Silber. Im Mittelalter konnte maximal 15-lötiges Silber hergestellt werden.

Lot
Edelmetallgewicht zu 1/16 Mark- (pfund), im 17. Jahrhundert noch in 18 Grän unterteilt. Als Silbergewicht wog es in Lübeck 14,6 Gramm.

Mark
1.) seit dem 11. Jahrhundert festgelegte Gewichtseinheit, entsprach einem 1/2 (Karls-)Pfund (zu 8 Unzen = 16 Lot = 288 Grän) von 234 Gramm, ab 1524 Grundgewicht für das Deutsche Reich. Der Name leitet sich vom Wort markieren = zeichnen ab.
2.) ab dem 13. Jahrhundert entwickelte sich die Zählmark. In Lübeck stand sie für 16 Schillinge oder 192 Denare und be-zeichnete damit die Menge Münzen, die man aus dem Material von der Größe einer Gewichtsmark prägen konnte.

Pfund
Gewichtseinheit zur Bestimm-ung eines Sachwertes in Silber, abge-leitet von lat. "pondus" = Gewicht.

Quentchen
Edelmetallgewicht von 1/64 Mark oder ¼ Lot.

Rauhgewicht
Gesamt- bzw. Bruttogewicht einer Münze.

Schrot
Rauhgewicht einer Münze, abgeleitet vom Getreide mit Hülse (Schrot) und ohne Hülse (Korn).

Sterling
seit dem Mittelalter die Bezeichnung für reines Münzsilber mit 925/1000 Feingewicht, abgeleitet von griech. = reine Münze.

Unze
Gewichtseinheit, die regional von ca. 29 Gramm (1/8 Kölner Mark = 2 Lot) bis 35 Gramm schwankte, abgeleitet von lat. "unica" als zwölfter Teil eines Ganzen.

Autor: St. Müller