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Die Kanonen der "Lisa von Lübeck"
Die Handelsschiffe des 15. Jahrhunderts waren bewaffnete Kauffahrer, die zu ihrem Eigenschutz neben einer Anzahl von
Bewaffneten auch mit Kanonen ausgerüstet waren. Über ihre Wirkungskraft ist wenig bekannt, man weiß aber, dass es aus Stangeneisen gefertigte Hinterladergeschütze waren.
Der Beginn der Entwicklung von Kanonen lässt sich für Europa zeitlich nicht bestimmen, da der Begriff "Artillerie" auch vor der Entwicklung der Feuerwaffen bereits für alle größeren
mechanischen Wurf-, Schleuder- und Schussapparate verwendet wurde.
Erste Erwähnungen von Kanonen stammen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Florenz 1326 und Lille 1340) und beziehen sich auf Steilfeuer-Geschütze (Mörser) als Weiterentwicklung der
Wurfmaschinen oder dienten noch zum Verschießen von Pfeilen.
Auch anfangs des 15. Jahrhunderts befand sich die Geschütztechnik noch in einem frühen Stadium, da zwei grundsätzliche Probleme noch nicht gelöst waren:
- es lag noch kein ausreichendes Wissen über die Sprengkraft des Schwarzpulvers bei unterschiedlicher Mischung der Elemente Salpeter, Schwefel und Holzkohle vor (damaliges Mischverhältnis ca. 40:30:30,
heutiges Mischverhältnis 75:10:15),
- es fehlten noch wesentliche Kennt-nisse über Materialmischung und Guß-techniken zur Herstellung von größeren Kanonen.
Bei der Herstellung des Schießpulvers verzeichnete man zur Zeit der "Lisa von Lübeck" bereits einen wesentlichen Fortschritt.
Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts wurden die drei Bestandteile Salpeter, Holz- kohle und Schwefel getrennt zu einem feinen Pulver zermahlen und dann im oben genannten Verhältnis mit der Hand zusammengemischt.
Das so entstandene Pulver, Serpentin genannt, hatte aber zwei wesentliche Nachteile, wodurch seine Wirkung nur schwer berechenbar war.
Bei Erschütterung, z.B. beim Transport oder stärker Schiffsbewegungen, setzten sich das schwerere Salpeter und der Schwefel am Boden ab, während die leichtere Holzkohle sich obenauf sammelte. Wollte man nun das Pulver
verwenden, musste es neu gemischt werden - eine Arbeit, die wegen der reibungsbedingten Entzündbarkeit des Pulvers recht gefährlich war. Das recht feine Pulvergemisch neigte zudem dazu, in der Pulverkammer oder der
Kanone zusammenzubacken. Dies bewirkte oft eine unregelmäßige Entzündung der Ladung und damit eine verminderte Schussleistung. Neigte nun der Kanonier dazu, zur Erhöhung der Leistung die Pulverladung
zu erhöhen (und war dann noch der Anteil von Salpeter und Schwefel höher als vorgesehen), konnte es bei einem korrekten Zündablauf zu unangenehmen Folgen für die Kanone und den Kanonier kommen... !
Vermutlich aus Frankreich kommend, begann man zum Beginn des 15. Jahrhunderts mit der Körnung des Schwarzpulvers. Die drei Bestandteile wurden in feuchtem Zustand zu einer Paste gemischt und zu einem dünnen Fladen
ausgestrichen, nach dem Trocken wurde der Fladen zu kleinen Krümeln zerbröselt. Diese Pulver-Körner hatten den Vorteil, dass das Pulver bei Erschütterung nicht in seine Bestandteile zerfiel, es nicht bei der Ladung
zusammenbuk und zusätzlich noch nässeunempfindlicher war.
Die ersten Kanonen wurden aus Bronze hergestellt, da Kenntnisse für den Guss größerer Objekte nur bei den Glockengießern vorhanden waren.
Wohl kannte man auch den Eisenguss, der sich aber nur auf kleinere Objekte (z. B. Grapen = Kochtöpfe) anwenden ließ. Ausgehend von den Grundlagen zur Herstellung von Glocken, hatten die ersten Kanonen die Form
langgezogener, vasenförmiger Glocken und waren Vorderlader. Da aber nur die weiche Bronze für Glocken bekannten war, konnten man nur kleinere Kaliber fertigen, etwa bis zur Größe eines Apfels. Hinzu kam,
dass dieses weiche Material sich unter der Hitze und der Kraft der Explosion schnell abnutzte und verformte.
Um größere und zudem haltbarere Kanonen zu fertigen, deren Material auch stärkere Pulverladungen ermöglichte, ersann man eine andere Herstellungsart.
Wie bei der Fertigung von Fässern wurden konisch geschmiedete Eisenstreifen erhitzt und zu einem Rohr zusammengeschweißt. Anschließend wurden zur Stabilisierung der Form schmiedeeiserne Ringe auf das Rohr
gezogen. (Es ist nicht geklärt, ob die Ringe erhitzt oder kalt aufgezogen wurden. Erhitzt aufgezogene Ringe ergeben nach dem Abkühlen durch die Materialschrumpfung eine größere Formstabilität als kalt aufgezogene
Ringe. Sie könnten jedoch, wenn sich die Eisenstreifen nach mehreren Schüssen stark erhitzt haben, durch die Materialdehnung der Eisenstreifen zersprengt werden.) Teilweise wurden die Rohre noch mit Tauwerk eng umwickelt und
zum Schutz gegen Nässe mit zusammengenähten Häuten überzogen.
Diese Art der Fertigung von Kanonenrohren war etwa ab der Mitte des 14. Jahrhunderts für die größeren Kaliber üblich und ermöglichte bereits enorme Kalibergrößen. Für das Jahr 1377 ist aus
dem Archiv des Herzogs von Burgund eine Kanone überliefert, die eine Steinkugel von 450 Pfund verschießen konnte, was einem Kaliber von ca. einem halben Meter entsprach. Bei der Bauart des beidseitig offenen Rohres war
jedoch eine separate Pulverkammer erforderlich, die aus Eisen gegossen wurde. Der Behälter entsprach der heutigen Form eines Bierkruges, dessen an der Öffnung befindliche Rand sich konisch verjüngte oder mit einem
zusätzlichen, kleineren Rand versehen war. Am hinteren Ende des Rohres befand sich meist durch wegschneiden der oberen Eisenstreifen eine Mulde, in welche die Pulverkammer hineingelegt wurde, mit dem verjüngten Rand in
das Rohrende geschoben wurde und mittels eines hinter der Pulverkammer einge-schlagenen Holzkeiles fixiert wurde.
Diese Hinterladerkanonen, Bombarden genannt, blieben bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts im Einsatz. Ihr Nachteil war jedoch, dass eine akurate Fertigung der Führung zur Aufnahme der Pulverkammer am Rohrende die handwerklichen
Fähigkeiten der damaligen Zeit wohl überstieg. Durch die ungenaue Passform der Verbindung traten an dieser Stelle Feuer und Gas aus, wodurch die Außenseiten der verbundenen Teilen angefressen wurden, so dass mit jedem
Schuss die Undichtigkeit der Verbindung zunahm. Neben einer zunehmenden Gefährdung der Kanoniere ergab sich daraus auch eine abnehmende Wirkung der Feuerkraft, welches bei fortschreitender Entwicklung der Gusstechniken dann
zu der Herstellung der "geschlossenen" Vorderlader-Kanonen führte.
Für die Zuordnung von Kanonen für die "Lisa von Lübeck" ergaben sich demnach folgende Voraussetzungen:
1. kleine Kaliber waren aus Bronze gegossene Vorderlader,
2. größere Kaliber waren aus Stangeneisen gefertigte Hinterlader (Stabringgeschütze) mit separater, gegossener Pulverkammer,
3. das verwendete Schwarzpulver war bereits angemessen dosierbar.
Zu berücksichtigen war noch, dass die größeren Kanonen im 15. Jahrhundert selbst auf dem festen Land meist noch nicht über fahrbare Lafetten verfügten. In starren Vorrichtungen -die geeignet sein mussten, dem
Rückstoß zu widerstehen- vor Ort aufgebaut, konnte in der Regel nur der Schusswinkel des Geschützrohres mittels Keilen etwas in der Höhe verändert werden.
Die Größenangabe für Kanonen ergab sich damals aus dem Gewicht der ver-wendeten Geschosse, wobei bis in das 16. Jahrhundert aus Kostengründen auch noch Steinkugeln verwendet wur-den. Die Rohrlänge
hatte noch keinen Bezug zum Innendurchmesser der Kanonen, dem Kaliber. Hierdurch war die Bestimmung der Rohrlänge für die Kanonen der "Lisa von Lübeck" nur annährend möglich, wobei zusätzlich
die eingeschränkten räumlichen Gegebenheiten auf einem Schiff zu berücksichtigen waren.
Betrachtet man Abbildungen von Schiffen aus dem 15. Jahrhunderts, so sind bei den größeren Schiffen stets Kanonen zu sehen. Wenn deren Anzahl auch häufig übertrieben dargestellt ist, so ist doch damit belegt, dass sich Kanonen an
Bord befanden, unterschiedliche Kaliber vorhanden waren und Kanonen nicht nur vereinzelt vorkamen.
Die Schiffe zur Zeit der "Lisa von Lübeck" waren grundsätzlich Handelsschiffe, einen speziellen Bau von Kriegsschiffen gab es noch nicht. Bei Kriegszügen wurden geeignete Schiffe aufgerüstet (Orlogschiffe genannt) und mit Kriegsvolk
bemannt. Zum Schutz gegen Angreifer waren aber die Handelsfahrer ebenso bewaffnet, auch wenn man meistens in einem Konvoi fuhr, der von einigen nur mit Kriegsvolk besetzten Begleitschiffen, den Konvoiern, zusätzlich gesichert wurde. Für die "Lisa von Lübeck"
haben wir unter Beachtung der Schiffsgröße, geeigneter Standorte und angestrebter Effektivität drei unterschiedliche Kaliber festgelegt: 10 cm, 7 cm und 4 cm.
Die 10-cm-Kanonen sind eiserne Kammerstücke (Stabringgeschütze) und im Achterkastell auf dem Hauptdeck aufgestellt. Die Rohrlänge wurde unter Berücksichtigung des auf dem Schiff verfügbaren Raums auf 120 cm festgelegt, zusammen mit der Pulverkammer
von 40 cm Länge ergibt sich eine Gesamtlänge von 160 cm (L 16). Hiervon ist jeweils an Steuerbord und Backbord ein Geschütz vorhanden. Ein Hanseschiff des 15. Jahrhunderts verfügte vermutlich über drei bis vier dieser Kanonen pro Seite, durch den Einbau der
Sanitärräume ist auf der "Lisa von Lübeck" jedoch der dafür benötigte Platz nicht vorhanden. Kanonen dieser Größe sind als Distanzwaffen geeignet, auch wenn ihre Effektivität wahrscheinlich nur bei unter hundert Meter lag.
Die 7-cm-Karronaden sind ebenfalls eiserne Kammerstücke. Es befinden sich fünf Stück an Bord. Die Gesamtlänge wurde mit einer Rohrlänge von 105 cm und einer Pulverkammer von 35 cm im Verhältnis zum Kaliber größer gewählt (L 20).
Unter dem Vorderkastell befinden sich pro Seite je zwei Karronaden, sie liegen mit ihren Lafetten in Bauchhöhe auf dem Schanzkleid-Deckel auf. Dieses dürfte auch der üblichen Ausrüstung im 15. Jahrhundert entsprechen, eventuell könnte noch eine dritte pro Seite
vorhanden gewesen sein. Die fünfte Karronade befindet sich im Achterkastell über dem Ruder und dient der Verteidigung nach achteraus. Diese Karronaden waren wohl im Nahbereich am effektivsten, um den Angreifer (bzw. bevorzugt dessen Besatzung) so zu schädigen, dass es
nicht zum Entern des eigenen Schiffes kam.
Wie bereits erwähnt, war eine Seitenausrichtung der Kanonen nicht möglich.
Um mit den großen Geschützen zu zielen, war deshalb eine Ausrichtung mit dem ganzen Schiff erforderlich. Hierbei war das Schiff im Vorteil, welches sich "in Luv" (d. h. auf der Windseite) befand und damit besser manöverieren konnte.
Von einer anderen Art sind die 4-cm-Geschütze. Aufgrund ihrer geringeren Größe sind wir davon ausgegangen, dass sie üblicherweise aus Bronze gegossen waren und daher Vorderlader waren. Die Rohrlänge wurde von uns im gleichen Verhältnis zum Kaliber wie
bei den 7-cm-Kanonen gewählt (L 20) und beträgt 80 cm. Diese Klein-Kanonen waren jedoch nicht in einer Lafette gelagert, sondern in einem auf einem Eisenstab befestigten Gabelgestell. Durch diese Vorrichtung, mit dem Stab in entsprechende Öffnungen der Reling eingesteckt, waren
sie in der Höhe und Seite schwenkbar und wurden deshalb Drehbassen genannt.
Die "Lisa von Lübeck" wird mit vier Drehbassen ausgerüstet, je eine pro Seite auf dem Vorderkastell und dem Achterkastell. Sie dienen der Verteidi-gung auf kurzer Distanz, so auch der Bekämpfung von Angreifern, wenn diese bereits das Oberdeck des angegriffenen
Schiffes geentert hatten.
Die Geschütze der "Lisa von Lübeck" sind selbstverständlich Nachbauten, die für einen scharfen Schuss nicht zu verwenden sind. Allerdings würde auch kein Original aus dem 15. Jahrhundert nach den heutigen Vorschriften einen Salut oder etwa einen
scharfen Schuss abfeuern dürfen.
Das Salutschießen war übrigens in seinem Ursprung keine "ehrende", sondern eine ernsthafte Angelegenheit.
Schiffe, die in einen fremden Hafen einliefen, mussten vorher durch das "Leerschießen" ihrer Geschütze anzeigen, dass sie in friedlicher Absicht kommen.
Autor: St. Müller
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