
Das größte Projekt der Gesellschaft Weltkulturgut ist der Nachbau eines Hanseschiffes aus dem 15. Jahrhundert. Das dreimastige Frachtschiff vom Typ Kraweel löste in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrhunderts die einmastige Kogge im ehemaligen Hanseraum an Nord- und Ostsee ab.
Die in Klinkerbauweise beplankte Kogge (die Planken überlappen sich bei dieser Bauweise dachziegelartig) stieß mit 80 bis 120 Tonnen Tragfähigkeit an ihre Grenzen. Selten wurden Koggen mit
mehr als 25 m Länge und 200 Tonnen Tragfähigkeit gebaut. Die Festigkeit war bei dieser Schiffsgröße bauartbedingt nicht mehr gegeben. In schwerem Seegang bestand die Gefahr des Auseinanderbrechens.

Im Mittelmeerraum wurden die Schiffbauer der Hansestädte fündig. Dort werden seit über 4600 Jahren Schiffe in Kraweelbauweise gebaut. Die Kraweelbauweise zeichnet sich durch ein zuerst gebautes Spantgerüst
und die anschließende Beplankung aus. Die Planken liegen mit der breiten Seite vollflächig an den Spanten an. Die Schmalseiten der Planken liegen direkt aufeinander. Auch haben die Kraweele ein in dieser Weise beplanktes,
festes Deck. Hier liegen die Planken mit der breiten Seite vollflächig auf den Deckbalken. Diese Bauart ergibt einen relativ verwindungssteifen Rumpf, der es ermöglicht wesentlich größere Schiffe zu bauen. Innerhalb
von einem Jahrhundert wurde die maximale Schiffsgröße verzehnfacht.
Die Idee, eine Kraweel zu bauen, entstand im Jahre 1991. Die Lübecker Unternehmerin Lisa Dräger äußerte anlässlich des Besuchs der "Ubena von Bremen" den Wunsch, Lübeck möge
auch ein mittelalterliches Schiff nachbauen. Es sollte aber keine Kogge, wie die an den 1962 in der Weser gefundenen Schiffsfund angelehnte "Ubena von Bremen", sein.

Die noch im selben Jahr gegründete Gesellschaft Weltkulturgut stand vor einer gewaltigen Herausforderung. Es gab und gibt von der hansischen Kraweel weder Funde noch Bauzeichnungen. Lediglich einige zeitgenössische Bilder
in Kirchen und Bauteile, die man nach dem Abwracken der Schiffe für den Hausbau und den Bau von Brunnen und Bohlenwegen wiederverwendet hat, lassen Rückschlüsse auf diesen Schiffstyp zu. Außerdem gibt es
einige schriftliche Überlieferungen von zeitgenössischen Chronisten. Um den, in den Bereich der experimentellen Archäologie fallenden, Nachbau zu realisieren, wurde ein wissenschaftlich-technischer Fachrat mit Experten
aus Schiffbau, Schifffahrt und Historie gegründet. Nach siebenjähriger Forschung wurde 1998 von der technischen Universität Berlin der Linienriss gezeichnet. Dieser stellt die äußere Form des Schiffsrumpfes zeichnerisch dar.
Im April 1999 wurde auf der Lübecker Wallhalbinsel die Hanseschiff-Werft gegründet. Neben dem Bau der Kraweel hatte die Werft die Aufgabe, jeweils 40 junge Menschen ohne Berufsabschluss in den Bereichen Holz- und
Metallverarbeitung in einjährigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zu qualifizieren. Als anleitende Facharbeiter und Meister fungierten ca. 15 ältere arbeitslose Handwerker.

Zuvor wurden jedoch im Lübecker Stadtwald 170, 150- bis 300-jährige Eichen für den Schiffsbau gefällt. Zuvor hat der Bauleiter, Bootsbaumeister Heino Schmarje, jeden dieser Bäume ausgesucht.
Nach der am 31. Juli 1999 erfolgten Kiellegung, erstellten die Arbeiter innerhalb von zwei Jahren das Spantgerüst des Schiffsrumpfes. Anschließend erfolgte das Beplanken des Rumpfes mit 8 cm dicken Eichenplanken. Die Decks
und die Kastelle (Aufbauten) wurden mit Lärchenholz beplankt.
Im März 2003 war das Schiff fertig beplankt. Nun sollten die 4170 m Nähte zwischen den Planken kalfatert werden (abdichten mit geteertem Hanf/Werg). Doch da kam die Hiobsbotschaft. Die damalige Bundesanstalt für
Arbeit gewährte für die ABM keine weiteren Zuschüsse. Die Werft stand faktisch ohne Personal da. Ende April 2003 stellte die städtische Beschäftigungsgesellschaft (gab) 10 Arbeiter zur Verfügung. Außerdem
meldeten sich aus dem Verein und von außen über 30 freiwillige Helfer, um das Hanseschiff zu vollenden. So konnte über den Sommer das Schiff dichtkalfatert werden. Im Herbst bekam die Kraweel ihre Wurmhaut, d. h. das
Unterwasserschiff wurde mit Kupferblechen beschlagen. Das vermindert den Bewuchs und die Zerstörung des Holzes durch die Bohrmuschel. Im Winter 2003/04 wurde der Maschinenraum ausgestattet und mit dem Innenausbau begonnen.

Gleichzeitig wurden die Segel genäht und die Segelmacher nahmen die Takelarbeiten in Angriff. Die "LISA von LÜBECK" hat 286 m² Segelfläche und über 4 km Tauwerk.
Ein Meilenstein für die Crew um Bootsbaumeister Schmarje war der 27. März 2004. An diesem Tag hat der Bugsier-Schwimmkran "Roland" die fast 200 Tonnen schwere "LISA" zu Wasser gebracht...
... und sie schwimmt, trotz vieler Unkenrufe. Wie hatte der Bootsbaumeister gegenüber den Journalisten auf die Frage, ob das Schiff denn wohl schwimmt gesagt: "Fliegen kann es nicht, dafür ist es zu schwer!"
Derzeit arbeiten viele fleißige Hände an der Fertigstellung dieses - weltweit einzigartigen - Nachbaus. Die 35 m lange "LISA von LÜBECK" hat bereits die ersten Fahrten erfolgreich hinter sich. Am 01. Dezember 2004 war
die "LISA von LÜBECK" das erste mal unter Segeln zu bewundern sein
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